Nicht erst seit den Kassensturz-Beiträgen vom Januar ein Aufreger: Manche Handy-Kunden erhalten aus heiterem Himmel eine ruinöse Rechnung. Ob 17 000 Franken oder 1000 Franken: Meist sind exorbitant hohe Preise für das Surfen mit dem Handy ohne gebuchtes Datenpaket die Ursache. Das Problem verschärft sich, weil immer mehr Smartphones auf den Markt kommen, die ständig mit dem Internet verbunden sind. iPhone, Google Android oder Palm Pre – bei diesen Geräten ist das Telefonieren Nebensache. Dafür beziehen die «Surfbrettchen» viele Daten laufend aus der sogenannten «Cloud», den von speziellen Diensten produzierten Datenwolken im Internet.
Internet ist nicht gleich Internet
Vom PC her sind sich Nutzer aber seit Jahren an das Prinzip der Flatrate gewöhnt. Für einen fixen monatlichen Betrag können sie unbeschränkt im Internet surfen. Dieses Modell hat wesentlich zur explosionsartigen Entwicklung von kommerziellen Dienstleistungen im Internet beigetragen. Auf dem Handy sieht die Sache leider ganz anders aus. War das alte GSM-Netz ursprünglich gar nicht für den Datenversand vorgesehen, so dienen UMTSHandys mit dem Datenturbo HSPA als ideale Zubringer auf die Datenautobahn. Sie ermöglichen heute ein Tempo, das mehr oder weniger dasselbe Surfgefühl bietet wie ein ADSLAnschluss zu Hause. Mit einem Unterschied: Die Preise sind massiv höher und die Datenmengen gleichzeitig beschränkt.
Vorsicht vor dem Handy
Die Datenpreise befinden sich zwar auf dem Sinkflug – doch dieser verläuft erstens langsam und zweitens lauern zahlreiche Fallen auf den Konsumenten, der sich ein neues, schickes Handy kauft oder eines als Geschenk erhält. Die wichtigste Regel bei Handys, die mehr als SMS bietet, ist ganz einfach: Fassen Sie das Internet nicht an, nutzen Sie keine Software, die Internet- Verbindungen aufbaut – und installieren Sie auch keine Programme ab der mitgelieferten CD nach. Besonders heikel sind Navigationsprogramme. Die meisten bauen im Hintergrund eine Internetverbindung auf und laden Kartendaten nach. Handys mit integriertem WLAN (Netzwerkzugang per Funk) schalten automatisch auf den teuren Datendienst um, wenn kein WLAN-Zugang zur Verfügung steht – achten Sie also immer auch auf die Anzeige des gerade genutzten Netzes. Vor allem aber: Informieren Sie sich zuerst über Datenpreise und mögliche Sparoptionen. Diese stehen in beträchtlicher Zahl zur Verfügung, so dass Sie nicht mehr auf die unsäglich hohen Datentarife schielen müssen, die mit der ersten Nutzung der entsprechenden Handy-Internet-Software anfallen.
So entstehen gesalzene Rechnungen
Wir machen die Probe aufs Exempel und besuchen mit dem iPhone die Sunrise-Homepage http://www.sunrise.ch. Der Datenzähler des iPhones (Einstellungen/Allgemein/Benutzung) zeigt 12 KB gesendete Daten und 255 KB empfangene Daten an. 20 KB kosten über das Sunrise-Netz 10 Rappen. Das bedeutet: 267 KB entsprechen ca. 1 Franken 30 Rappen – und wir sind erst auf der Startseite und hangeln uns nun durch die Menüs. Die fürs iPhone optimierte Startseite des Pendlerblatts 20 Minuten kostet satte 580 KB, umgerechnet 2 Franken 90.
Fazit: Das Abrufen einer einfachen Information kostet schnell mal 10 Franken und mehr. Wieviel, das hängt einerseits davon ab, wie «sparsam» die Website aufgebaut ist und mit welchem Handy bzw. Browser Sie gerade unterwegs sind. Surfen ist längst nicht alles. Hören Sie Radio mit dem Handy oder schauen Sie sich YouTube- Videos an, versenden Sie E-Mail-Anhänge wie Fotos oder Word-Dateien – dann werden Sie mit Sicherheit eine gesalzene Rechnung dafür erhalten. Erst recht, wenn Sie sich im Ausland befinden – die Roamingtarife sind um ein Vielfaches höher als im Inland.
So vermeiden Sie Überraschungen
Kaufen Sie ein neues UMTS-Mobiltelefon, wählen Sie unbedingt eine der zahlreichen Surfoptionen des Providers aus. Sie bietet ihnen zum fixen Preis eine gewisse Anzahl MB inklusive. Erst wenn Sie diese verbraucht haben, fallen weitere Kosten pro MB an. Um ein gewisses Gefühl für die Datenmenge zu erlangen, die Ihr Handy verschlingt, sollten Sie diese anfänglich täglich kontrollieren. Bei Swisscom genügt ein SMS mit dem Text «Status» an die Nummer 444. Orange-Kunden können ihren Kontostand via Website kontrollieren. Sunrise-Kunden tippen *133# in die Handytastatur und drücken auf die «Anrufen»-Taste. Sie erhalten so eine SMS mit dem aktuellen Stand des Verbrauchs. Die Provider garantieren allerdings nicht, dass die Zahl exakt mit der tatsächlichen Rechnung übereinstimmt. Nutzer können sich doppelt absichern. Viele Smartphones zeigen die aufgelaufene Datenmenge an. Konsultieren Sie die Bedienungsanleitung. Windows Mobile Nutzer können ihre Daten bequemer aufzeichnen und auswerten. Der Spb Wireless Monitor http://www.spbsoftwarehouse.com/products/ gprsmonitor/ liegt vielen Handys auf CD bei. Allerdings entsprechen auch die damit gesammelten Daten nicht exakt dem tatsächlich verrechneten Volumen.
VerweigerungshaltungSie können natürlich auch ganz auf das Internet verzichten und Extrakosten gar nicht erst entstehen lassen. Dazu müssen Sie im Handymenü die Datenfunktion ausschalten, besonders empfehlenswert auf Reisen im Ausland. Sie wird oft nur mit dem Kürzel «GPRS» bezeichnet. Falls Ihr Handy keine Ausschaltfunktion kennt, tragen Sie einfach falsche Angaben bei der Konfiguration der Internetverbindung ein. Ein Kostentreiber sind auch E-Mails. Viele Smartphones holen standardmässig die neuen Nachrichten in einem bestimmten Zeitabstand vom Server ab. Oder erhalten die E-Mails sogar automatisch zugestellt, sobald sie beim Provider eintreffen («Push-E-Mail»). Dies können Sie leicht unterbinden, indem Sie auf «manuell» stellen und die Push-Funktion abschalten. Beim iPhone nehmen Sie dies unter Einstellungen/Datenabgleich vor. Die meisten E-Mail-Programme lassen sich auch so einstellen, dass nur die Betreffzeilen heruntergeladen werden – das schont nicht nur den Geldbeutel, sondern je nach Sender auch Ihre Nerven.
Rechnungsschock – was nun?
Bleiben Sie ruhig. Denken Sie daran: Grundsätzlich sind Sie für Ihr Handy und die damit aufgebauten Datenverbindungen selbst verantwortlich. Somit liegt es meist im Ermessen des Anbieters, ob er Ihnen entgegenkommt und die horrende Rechnung ganz oder teilweise erlässt. Auf jeden Fall müssen Sie beharrlich verhandeln und glaubhaft darlegen, weshalb Sie unbeabsichtigt in die Datenfalle getappt sind. In vielen Fällen erhalte der Kunde eine Gutschrift, so dass er nur den Betrag der Option bezahlen muss, weiss Telekom-Experte Ralf Beyeler vom Preisvergleichsdienst Comparis. In seinem Blog http://ralfbeyelercomparis.blogspot.com schreibt er: «Mir sind Fälle bekannt, wo Rechnungen über 1000 Franken auf 100 Franken reduziert worden sind. Doch ich finde es eine Frechheit, dass die Anbieter nicht alle Kunden gleich behandeln.» Falls alles nichts hilft, tragen Sie Ihren Fall der Ombudscom (Schlichtungsstelle Telekommunikation) http://www.ombudscom.ch vor. Meist lenken die Anbieter danach ein.
Sunrise und Orange ziehen nach Swisscom informiert seit längerem die Kunden aktiv per SMS über bessere Datenoptionen. Nun wollen Sunrise und Orange nachziehen, wie beide Firmen auf Anfrage von anthrazit bestätigen. Künftig sollten Nutzer ohne Datenoptionen automatisch einen Hinweis erhalten, wenn sich das Abschliessen einer Datenoption lohnen würde.

Home
Login





